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Wer waren die Grundeigentümer an der Grossen Bergstrasse 160-180 (Ikea Baugrund) bis 1938 ?

Mitschnitt der Radiosendung von Judith Haman über „Eine Begegnung zum 70. Jahrestag der Pogromnacht 1938, zur Geschichte und Gegenwart in Altona, Große Bergstraße und anderswo“ am 9.11.2011 bei FSK 93,0 

„Auf dem Frappant Gelände, Nr.166-180 standen auch nach ‘45 noch einige Stadthäuser, Dokumente über die ehemaligen Besitzer waren nicht aufzufinden. Welche Umeignung hatte hier während der Nazizeit stattgefunden?“  (Grosse Bergstrasse 166-180 ist die Grundstücksangabe für die geplante Ikea Filiale)

Vor 4 Jahren warb Judith Haman beim Kulturausschuss der Bezirksversammlung Altona darum, ihre Recherchen und eine Veranstaltung am 9.11.2008 in der Blinzelbar zum Thema: „Eine Begegnung zum 70. Jahrestag der Pogromnacht 1938, zur Geschichte und Gegenwart in Altona, Große Bergstraße und anderswo“ als Erweiterung der behördlichen Gedenkfeiern zu unterstützen sowie die Hochsitze als dauerhafte Installation zur Erinnerung an die Pogromnacht 1938 zu erhalten. Das wurde von den CDU, GAL, SPD Vertretern im Kulturausschuss einstimmig abgelehnt.  Und am 23.11.2008 bekam sie die Aufforderung, „die Hochsitze bis spätestens 31.12.2008 von der Großen Bergstraße zu entfernen.“
Zuvor hatte sie bei „Anfragen in einigen Läden, wer denn Vorbesitzer des Hauses gewesen sei oder Fragen nach den Eltern, die den Laden übernommen hatten, (…) unklare oder recht abweisende Antworten.“ bekommen.
Warum diese oft aggressive Abwehr auf Fragen nach geschichtlichen Vorgängen?
…………………………….
hier der vollständige Text über das Projekt und die Recherchen:

Ende der „Schonzeit“ – zum 70. Jahrestag der Pogromnacht 1938 in Hamburg Altona
Umgebungsrecherchen in der Großen Bergstraße

Die „Kunst“ des Herrschens der Nationalsozialisten, wie sie sich auch in Altona zeigte, offenbarte sich für die Mehrzahl der Deutschen nicht nur in „Nacht- und Nebel-Aktionen“ der Gestapo, sondern vielmehr in dem unheimlichen, jedoch entwaffnend harmlos erscheinenden System der gegenseitigen Überwachung auf Nachbarschaftsebene. Altona war in 32 Ortsgruppen unterteilt, die in Zellen und Blöcke und Hausgruppen gegliedert waren. Der berüchtigte Obersturmbannführer Hubert Richter wohnte in der Großen Bergstraße 130b.
Die Große Bergstraße reichte damals vom Altonaer Bahnhof bis zum Nobistor. Hier war das Zentrum jüdischer Geschäfte in Altona. Die jüdische Gemeinde zählte etwa 2.500 Menschen, am 1.4.1933 kam es zu ersten Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte. Einen Tag nach der Pogromnacht, am 10.11.38 begannen Verhaftungen und Deportationen.

Der 70. Jahrestag der Pogromnacht 1938 war Anlass für historische Recherchen über die Große Bergstraße und für die Veranstaltung eines Rundganges mit Filmen, Bildern und Diskussion in der Blinzelbar, Große Bergstraße 158.

Die Einladung zum 9.11.2008 zeigte den Straßenplan der Großen Bergstraße von 1937 und Texte eines Flugblatts der Weißen Rose. Der Stadtplan und das Adressbuch von 1937/38 waren Grundlage für mich, eine Karte der Großen Bergstraße mit den damaligen Nebenstraßen anzufertigen und darauf die Hausnummern und Namen der Ladenbesitzer nach Unterlagen aus den Archiven einzutragen. Flugblätter der „Weißen Rose“ wurden auch in Altona im Keller von Prof. Dr. Günther Braun gedruckt. Er war Chefarzt für Hautkrankheiten im Altonaer Krankenhaus. Als jüdischer Arzt durfte er nicht mehr praktizieren, musste als „Krankenbehandler“ in seiner Wohnung Schillerstraße 40 arbeiten, bis er und seine Familie deportiert wurden.

Rundgang am 9.11.2008

Der Rundgang begann vom Nobistor kommend Große Bergstraße Nr.39, heute Louise-Schröder-Straße, damals gab es dort Emma Nickels, Fischladen, dann Abraham Katz, Frisiersalon. An den Rabbiner Eduard Duckesz, der in Altona als Lehrer tätig war, ermordet 1944, wird auf dem gegenüberliegenden jüdischen Friedhof erinnert. Drei Gebäude Große Bergstr.18, 20, 22 waren „Judenhäuser“. Hier wurden jüdische Altonaer bis zur Deportation auf engstem Raum untergebracht, denen man die Wohnungen weggenommen hatte; der Rundgang dokumentiert weiter die Wohn und Geschäftsorte von: Samuel Rosentreter, August Steinberg, Fiedlers Strumpfladen, dessen Inhaber Bernhard Rosen im Juli 1938 auswanderte, das Kaufhaus Gustav Nathan, daneben Max Salomon, im Hinterhaus Ehrhorn, Katz, Lorenz, Eichberg, Grünbaum, Nagelberg, dann Tauerschmidt, Sternberg, Bösenberg, Kitzky, Morgenstern, Woll-Meyer, Hirschel, Rosenberg, Freudenberg. Der Rundgang umfasste ca. 40 Hausnummern mit nachweislich jüdischen Bewohnern oder Besitzern. Bei dem Rundgang wurden alle Orte jüdischer Bewohner und Läden mit weißer Farbe auf dem Gehweg gekennzeichnet.

Große Bergstr. 219-223, vor dem ehemaligen Wohnort von Maria und Paul Chrupella, Zeugen Jehovas, wurden vor 2 Jahren die einzigen Stolpersteine in dieser Straße verlegt.

Auf dem Frappant Gelände, Nr.166-180 standen auch nach ‘45 noch einige Stadthäuser, Dokumente über die ehemaligen Besitzer waren nicht aufzufinden. Welche Umeignung hatte hier während der Nazizeit stattgefunden?
Die Häuser wurden in den 70er Jahren abgerissen und das erste Einkaufszentrum Deutschlands, das Frappant gebaut, demnächst steht hier ein Ikea-Klotz, mitten im Wohngebiet.

An der Ecke Große Bergstr. 250/Poststraße war das Cleja-Stift mit kleiner Synagoge und jüdischem Altenstift, es wurde später zum „Judenhaus“ erklärt. Nach 1948 genehmigte die Baubehörde Hamburg Gewerbetreibenden den Teilwiederaufbau; der Eintrag über die Eigentumsverhältnisse im Grundbuch fehlt.

Letzte Station des Rundgangs war Große Bergstr. 266 „Handelshof“, ehemals Amt für Beamte des NSDAP Reichsbund, Stadtkreis Altona und Teil der Gemeindeverwaltung, bis vor 5 Jahren war hier das Altonaer Finanzamt. Auf Anfragen in einigen Läden, wer denn Vorbesitzer des Hauses gewesen sei oder Fragen nach den Eltern, die den Laden übernommen hatten, bekam ich unklare oder recht abweisende Antworten.

Dem Kulturausschuss im Altonaer Rathaus wurden diese Recherchen vorgestellt mit dem Anliegen, die Gedenkveranstaltung des Bezirksamtes zur Pogromnacht mit dem Rundgang auf der Großen Bergstraße zu erweitern. Um sich vor Ort die nachbarschaftlichen Verhältnisse vor Augen zu führen, die es möglich machten, daß sämtliche jüdische Ladenbesitzer und Bewohner vertrieben und deportiert wurden.

Die Fraktionen CDU/SPD/Grüne/GAL entschieden dagegen. Die behördliche Gedenkfeier fand auf dem Platz der Republik statt.

 Ende der „Schonzeit“

Ab Juni 2008 standen zwei Hochsitze auf der Großen Bergstraße vor der Blinzelbar. Die fremdartig und deplatziert wirkende Installation sollte ein Angebot sein, aus einer neuen Perspektive brisante Themen der Umgebung zu diskutieren. Bei den wöchentlichen Kanzelreden auf den Hochsitzen sprachen Anwohner und Vertreter politischer Parteien und Institutionen. Die Hochsitze sollten als Symbole des Rechts auf freie Meinungsäußerung wirken und dazu beitragen, eine Nachbarschaft im demokratischen Sinne herzustellen. Das Projekt „Eine Begegnung zum 70. Jahrestag der Pogromnacht 1938, zur Geschichte und Gegenwart in Altona, Große Bergstraße und anderswo“ sollte den Horizont um eine historische Dimension erweitern. Bei der Veranstaltung am 9.11.08 wurde der Vorschlag formuliert, die Hochsitze als Symbol für die Pogromnacht in Altona zu erhalten. Ein entsprechender Antrag wurde beim Kulturausschuss Altona eingereicht, jedoch nicht öffentlich diskutiert. Am 23.11. kam die Aufforderung, die Hochsitze bis spätestens 31.12.2008 von der Großen Bergstraße zu entfernen.

Die Blinzelbar war von 2005-2010 ein Kunstraum in der Großen Bergstraße 158. Mit dem Begriffsfeld „opakes Displacement“ versuchten wir durch künstlerische Interventionen die Belange im Sanierungsgebiet mit gestalten zu können.

Judith Haman, Heiner Metzger Hamburg, Oktober 2012

http://www.hierunda.de/archiv/Blinzelbar2008/Begegnung_Blinzelbar_Pogromnacht_20081109.html

http://www.hierunda.de/archiv/schonzeit/schonzeit-08.html

 

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